Schwachstelle (Reiter-)Rücken

17. Juli 2014 | Von Redaktion | Kategorie: Featured, Interviews, Reiterfitness

Ein gesunder Reiterrücken ist nicht selbstverständlich. Denn immerhin 80 Prozent aller Menschen in Deutschland haben „Rücken“. Ursachenanalyse, Problembeseitigung und Schmerzprophylaxe sind auch bei Reitern daher zunehmend ein Thema.

Kay Bartrow ist Physiotherapeut in einer großen Praxisgemeinschaft in Balingen. Seit 2002 ist er Lehrbeauftragter für Physiotherapie und gibt seit 2006 Fortbildungskurse für examinierte Physiotherapeuten.

Im nachfolgenden Interview erklärt der erfolgreiche Buchautor von „http://www.abysub.com/“ den hohen Anspruch, den der Pferdesport an den Reiterrücken stellt und Möglichkeiten für ein gezieltes Rückentraining – nicht nur, aber vor allem für Reitsportler.

[HORSEtoday.]: Würden Sie die Aussage bestätigen, dass Reitsport durchaus ein gutes Training für den menschlichen Rücken darstellen kann? Warum nehmen dann die Rückenprobleme in dieser Sportart zu?

[Kay Bartrow]: Grundsätzlich kann gesagt werden, dass jede Form von sportlicher Betätigung – oder schlicht jede Form von Bewegung –- förderlich für eine gute Rückengesundheit sein kann. Also kann auch das Reiten seinen Teil zu einem gut funktionierenden Rückensystem beitragen. Durch Bewegung wird der menschliche Körper zur Anpassung an neue Situationen und neue Belastungsanforderungen gebracht. Diese Anpassungen bewerkstelligt der Körper unter anderem mit einer Steigerung der Kraftfähigkeit, der Beweglichkeit, der Elastizität, der Ausdauerfähigkeit und auch mit einer Verbesserung der koordinativen Fähigkeiten. Dies alles sind Trainingsziele in vielen Sportarten, so auch im Reitsport. Diese Anpassungen erfordern einfach etwas Zeit, und wenn die Trainingsziele dabei nicht zu hoch gesteckt werden und damit einer Überbelastung vorgebeugt wird, sind diese Veränderungen durchaus auch im Reitsport zu erreichen.

[HORSEtoday.]: Warum haben Reiter „Rücken“?

[Kay Bartrow]: Das Reiten stellt in diesem Trainingskontext vor allem hohe Anforderungen an die koordinativen Systeme (Muskel-Nerv-System, Reiz-Reaktions-System, sensomotorische Systeme), an die Körperhaltung und an ein fein abgestimmtes Bewegen auf dem Pferderücken. Die Körperhaltung muss dabei in einen optimalen Kompromiss zwischen Stabilität und Beweglichkeit gebracht werden. Der Körper muss auf dem Pferderücken so stabil sein, dass keine Fehl- oder Überbelastungen für den eigenen Rücken entstehen und gleichzeitig sollte er so beweglich dabei bleiben, dass damit auch das Pferd kontrolliert und „gesteuert“ werden kann. Und genau darin liegt ein Grund für steigende Rückenbeschwerden bei Reitern. Viele vergessen über der Freude des Reitens, ein gezieltes Trainingsprogramm zur Verbesserung von Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer durchzuführen.

Rückenbeschwerden entstehen immer dann, wenn im Körper Dysbalancen (Ungleichgewichte und Missverhältnisse) bestehen. Dysbalancen bestehen häufig im muskulären Bereich (z.B. Spannungsunterschiede zwischen Beuge- und Streckmuskeln). Dysbalancen können aber auch in der Körperhaltung und der Körperstatik (dabei handelt es sich um „Vorbelastungen“, wie z.B. eine existierende Beinlängendifferenz oder einem existierendem Beckenschiefstand) bestehen. Dysbalancen verlagern das Belastungsgefüge im Körper und verursachen in den stark belasteten Körperregionen gerne Funktionsstörungen und Schmerzen.

Bei Reitern lassen sich häufig sogenannte Vorbelastungen (Beinlängendifferenzen, Beckenschiefstand, Skoliose, Hohlkreuz, Rundrücken etc.) finden, die alleine schon vielfältige Störungen am Rücken erklären können. Zudem sind häufig noch muskuläre Dysbalancen in Kombination mit steifen und unbeweglichen Körperregionen vorhanden. Für Reiter ist es immens wichtig, dass einzelne Körperregionen selektiv bewegt werden können (d.h. ohne Mitbewegung von angrenzenden Körperregionen: z.B. Beckenkippung ohne Arm- bzw. Handbewegung – oder auch eine Oberkörperdrehung ohne Beckenkippung, etc.). Diese Fähigkeiten erfordern viel Bewegungskoordination und vor allem bewegliche Stabilität.

Nicht vergessen werden dürfen die „Nebenher-Beschäftigungen“ des Reitens wie z.B. Putzplatzaktivitäten, Aufsatteln, Pferd füttern etc. Darin liegen genügend mögliche Schädigungsquellen für einen Reiterrücken, um sich vielfältige Störungen zu holen. Daher ist auch bei Aktivitäten neben dem Reiten auf eine gute Haltung und ein rückengerechtes Bewegen zu achten.

[HORSEtoday.]: Welches sind aus Ihrer praktischen Erfahrung heraus typische Rückenbeschwerden bei Reitsportlern?

[Kay Bartrow]: Den klassischen „Reiterrücken“ gibt es eigentlich nicht. Es kommt häufig zu Funktionsstörungen in den Beckengelenken (ISG Beschwerden). Bandscheibenprobleme und Gelenkblockaden in der Lendenwirbelsäule und auch der Brustwirbelsäule sind ebenfalls oft vertreten. Manchmal sind auch statische Veränderungen mit Vorbelastungen wie Skoliose oder Dysplasien von Hüfte und Wirbelsäule verbunden. Auch Muskelprobleme oder Steifigkeiten im Fasziensystem sind in dieser Sportart weit verbreitet und führen in der Folge ohne adäquate Behandlung gerne zu Rückenschmerzen.

[HORSEtoday.]: Gibt es spezielle Übungen zur Prävention von Rückenbeschwerden v.a. für Reiter?

[Kay Bartrow]: Der beste Weg, seine körperlichen Beschwerden/Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen, beinhaltet drei in der Praxis erprobte Schritte:

Lernen – Testen – Üben

1. Lernen Sie die normale Funktion Ihrer Wirbelsäule kennen. Informieren Sie sich über den Aufbau und die Funktion der Wirbelsäule. Nur wenn Sie die „Normalität“ kennen, können Sie die Abweichungen und Störungen schnell erkennen und gut einschätzen.

2. Testen: Finden sie Ihre „Schwachstellen“ und weitere gestörte Bereiche. Dies beinhaltet auch die benachbarten Körperregionen (v.a. Hüftgelenke und Nacken). Lernen Sie geeignete Testverfahren kennen, um herauszufinden welche Bewegungen oder Funktionen bei Ihnen von der Normalität abweichen oder gar schmerzhaft sind. Dies ist auch wichtig, um später erkennen zu können, ob nun wieder alles normal ist (Vergleich: vorher-nachher).

3. Übungen: Finden Sie die für Ihre Beschwerden effektivsten Übungen und stellen Sie sich ein gezieltes Übungsprogramm für Ihre individuellen Schachstellen zusammen. Alle drei Schritte bietet Ihnen mein neues Buch „Schwachstelle Rücken“.

Ein ebenfalls sehr gutes Trainingskonzept – gerade auch für Reiter – ist das Training mit der Blackroll (eine 30cm lange Rolle, auf der geniale Übungen möglich sind). Die Blackroll fungiert dabei als Trainingsgerät für die Mobilisation, Kräftigung und Koordination/Stabilität, sowie als Massageinstrument. Dabei werden unbewegliche und zur Steifigkeit neigende Faszien und Muskeln wieder beweglich und belastbar gemacht. Mein Buch zum erfolgreichen Training mit der Blackroll und vielen Übungen erscheint im TRIAS Verlag und kommt am 20. August in den Buchhandel.

[HORSEtoday.]: Gibt es empfehlenswerte Übungen, die der Reiter jeweils vor dem Aufsitzen – bspw. auf dem Reitplatz oder im Stall – im Rahmen einer Aufwärmphase ausführen könnte/sollte?

[Kay Bartrow]: Durch gezielte Übungen sollten Reiter vor allem auf ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis zwischen Bauch-, und Rückenmuskeln achten. Das sind vorwiegend die Beckenstabilisierenden Muskeln, die dafür sorgen, dass das Becken kontrolliert werden kann. Vor dem Aufstieg auf den Pferderücken ist es durchaus sinnvoll, sich im Rahmen eines Aufwärmprogrammes um die eigenen Schwachstellen (das unbewegliche Becken, die eingeschränkte Oberkörperdrehung nach links etc.) zu kümmern. Werden diese “Schwachstellen” vor dem Reiten etwas gelockert und beweglicher gemacht, läuft auch das Reiten leichter von der Hand.

[HORSEtoday.]: Welches Zeitfenster sollte von Rückenschmerzen geplagte Reiter einkalkulieren, bis sich erste Erfolge nach dem Absolvieren der Übungen zeigen?

[Kay Bartrow]: Das Zeitfenster im Training ist relativ unabhängig von der Sportart, jedoch nicht vom vorherrschenden Trainingszustand der Person selbst. Wer viel Sport gemacht hat, oder immer noch macht, ist dabei klar im Vorteil. Erste Erfolge im Bereich des Krafttrainings sind bereits nach wenigen Tagen spürbar. Ausdauertraining benötigt etwas länger, um eine erste Anpassungsreaktion auszulösen, doch sind auch dabei schon nach 1-2 Wochen erste Erfolge erkennbar. Der Koordinationsteil dürfte kniffligste Part der Trainingserfolge darstellen. Aber auch dabei können in 2-4 Wochen die ersten Pluspunkte zu verzeichnen sein. Und: je länger ein Trainingsprogramm nach der eingesetzten Beschwerdefreiheit noch aufrecht erhalten und weitergeführt wird, desto länger ist mit anhaltender Beschwerdefreiheit zu rechnen. Sprich: Wer länger trainiert, bleibt auch länger fit und beschwerdefrei!

Kay Bartrow ist über seine Homepage https://www.wanderakademie.de/ zu erreichen. Er hält auch Vorträge und Seminare sowie Workshops zum Themengebiet der Rückengesundheit – auch für spezielle Sportarten wie z.B. Reiten.

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