Das Rätsel um das Mienenspiel des Pferdes

22. November 2016 | Von Redaktion | Kategorie: Top Feature, Wissenschaft & Forschung
Das Mienenspiel der Pferde ist sehr vielfältig. Britische Forscher haben nun ein "System zur Kodierung der Bewegungen im Pferdegesicht" entwickelt, mit dessen Hilfe alle möglichen Gesichts-Konfigurationen umfassend dokumentiert wurden (Foto: Anke Klabunde).

Das Mienenspiel der Pferde ist sehr vielfältig. Britische Forscher haben nun ein "System zur Kodierung der Bewegungen im Pferdegesicht" entwickelt, mit dessen Hilfe alle möglichen Gesichts-Konfigurationen umfassend dokumentiert wurden (Foto: Anke Klabunde).

Ohren anlegen, Nüstern blähen, Zähne blecken – Pferde verfügen über ein vielfältiges und komplexes Mienenspiel, wenn sie beispielsweise mit Artgenossen kommunizieren. Doch obwohl bereits in früheren Studien die Mimik von Pferden vor allem in einem spezifischen Kontext untersucht wurde (bspw. Schmerz), steht bis jetzt keine Methode zur Verfügung, die alle möglichen Gesichts-Konfigurationen umfassend dokumentiert. Nun hat ein Forscher-Team aus Großbritannien diese wissenschaftliche Lücke geschlossen und ein „System zur Kodierung der Bewegungen im Pferdegesicht“ entwickelt – und dabei noch eine erstaunliche Übereinstimmung zum Menschen festgestellt.

Die Wissenschaftler um die Tierverhaltens-Forscherin Jennifer Wathan von der britischen Universität Sussex haben die Gesichter von 86 Stuten und Hengsten unterschiedlichster Rassen analysiert – und dabei wohl zum ersten Mal alle Gesichtsausdrücke akribisch erfasst. Die systematische Methodik zur Identifizierung und Kodierung der Pferdemiene auf Basis der zugrunde liegenden Gesichtsmuskulatur, das „Equine Facial Action Coding System (EquiFACS)“, wurde mit Hilfe von Videoaufzeichnungen von Hauspferden erstellt.

Besonders auffällig an dem Ergebnis der Studie sind das große Mimik-Repertoire der Vierbeiner und deren teilweise recht starke Ähnlichkeit zum Menschen. Insgesamt 17 unterschiedliche Variationen wurden beim Pferd nachgewiesen – und das ist nicht wenig. Denn nur der Mensch, der gemeinhin als das Tier mit der größten Vielfalt an mimischen Gesten gilt, kommt auf mehr – nämlich 27 – sichtbare Bewegungen an der Gesichtsoberfläche. Selbst Katzen (21), Hunde (16), Orang-Utans (15) und Schimpansen (13) können da nicht mithalten.

Der Grund für die Unterschiede in der Anzahl der verfügbaren „Action Units“ findet sich in der Anatomie: So können viele Tiere – mit Ausnahme beispielsweise von Schimpansen oder Menschen – unter anderem die Stellung der Ohren verändern. Bisher galt unter Wissenschaftlern die These, je weiter entfernt die Verwandtschaft mit dem Menschen, desto reduzierter sei die mimische Ausdrucksfähigkeit einer Tierart.

Überrascht zeigten sich die Forscher von der Übereinstimmung der Bewegungseinheiten im Gesicht von Mensch und Pferd. In einigen Fällen erzeugen Pferde einen optisch vergleichbaren Eindruck – nur mit anderen Muskeln als der Mensch. Es gibt aber auch Situationen, in denen führen die Bewegungen gleicher Muskelgruppen zu einem anderen Ausdruck.

Zu jedem Gesichtszug haben die Forscher bestimmte Muskelpartien ermittelt und zugeordnet. Darüber hinaus wurde jede individuelle Bewegungseinheit codiert und beschrieben. Aus dem Englischen übersetzt, tragen diese nun so poetische Bezeichnungen wie „Ohrflachmacher“, „Lippen-in-die-Ecken-Zieher“ und „Innerer Augenbrauenheber“.

Eine solch‘ objektive Beschreibung der Pferdemiene wird zukünftig vor allem im Zusammenhang mit den unterschiedlichsten emotionalen Zuständen der Tiere als ein wichtiges Werkzeug in der Verhaltensforschung angesehen. Erste Tests mit Personen ohne Erfahrung im Umgang mit Pferden waren insofern erfolgreich, als diese das Kodierungssystem verlässlich anwenden konnten.

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