Motiva Training®: Herdenchef – und doch kein Leittier

22. Dezember 2016 | Von Gertrud Pysall | Kategorie: Aus- & Weiterbildung, Top Feature

Motiva-EmblemPferde leben gerne in Gruppen, zusammen mit ihren Artgenossen. Die sozialen Strukturen und die sogenannte „Herdendynamik“ erfordern bei mehr als zwei Tieren jedoch (fast) immer einen Entscheidungsträger – bekannt unter der Bezeichnung Leittier. Bei den wilden Kollegen unserer domestizierten Hauspferde sind dies im Regelfall der Leithengst und die Leitstute – sie bekleiden immer auch den höchsten Rang.

Bei den in der Obhut des Menschen befindlichen Pferden ist dieses Wissen um die Notwendigkeit einer Führungsperson ebenfalls immer noch präsent. Doch in der Realität besteht häufig eine Diskrepanz: Auch wenn ein Leittier grundsätzlich immer das ranghöchste Mitglied einer Herde ist – so gilt der Umkehrschluss bei den willkürlich zusammengesetzten Gruppenverbänden unserer Hauspferde leider nicht, denn ein Pferd mit dem höchsten Rang verfügt nicht unbedingt automatisch und naturgegeben über die notwendige Qualifikation für eine Leitungsfunktion und taugt somit für die Rolle eines Entscheidungsträgers, so die These von Gertrud Pysall, die seit vielen Jahren die Sprache der Pferde erforscht und auf dieser Basis das Motiva Trainings® entwickelt hat.

Inzwischen ist es nichts Neues mehr, Pferde sind Herdentiere und haben ein Leittier, das wissen wir alle. Was wurde nun in den letzten 20 Jahren daraus gemacht?
Der findige Mensch kam auf die Idee, wenn alle Pferde diesem einen Leittier gehorchen, einfach so, dann ist es ja logisch. Ich werde das Leittier und die Probleme sind vom Tisch. Soweit so gut.
Der nächste Schritt heißt nun, wie werde ich Leittier? Es gibt mannigfache Bücher und Anleitungen auf dem Pferdemarkt, wie man dann zum Leittier wird.

Doch bereits an dieser Stelle gehen die Probleme erst richtig los. Bisher wurden die Pferde ganz normal erzogen und ausgebildet – und wenn es gut war, ohne Schmerzen, mit Zeit und Geduld für das Tier.

Die Position des Menschen als Leittier in einer Pferdeherde kann wohl infrage gestellt werden (Foto: privat).

Herdenchef ohne Führungskompetenz – ein Phänomen, das Gertrud Pysall nur bei domestizierten Pferden beobachten konnte. Denn hier erfolgt die Zusammenstellung der Gruppenverbände willkürlich und vom Menschen gesteuert (Foto: privat).

Heutzutage muss der Mensch erst einmal Chef werden oder schlimmer noch, er muss zeigen, dass er Chef ist. In Internetforen werden Fragen gestellt wie: “Ich habe Angst vor Pferden. Ich befürchte, das Pferd könnte mir abhauen im Wald. Ich kenne mich nicht aus. Wie kann ich ihm zeigen, dass ich Chef bin?“
„Gar nicht, weil du nicht Chef bist“, möchte man antworten.

Die „Chef-Idee“ hat um sich gegriffen, und viele selbsternannte Profis sprechen ihre Empfehlungen aus, wie man das macht mit dem „Chef-Sein“. Es wird mit Begriffen wie „Vertrauen herstellen“, „Respekt einfordern“ und „Dominanz“ um sich geworfen und der Pferdelaie muss schauen, wie er das alles unter einen Hut bringt. Nicht selten erzählen Pferdebesitzer ganz stolz: Meiner ist ranghoch, der ist in der Herde das Leittier – die Position gilt als ein Markenzeichen!

Aber was hat es denn nun wirklich mit dem Leittier auf sich?

In freien Herden führt eine Leitstute die Herde an. Sie hat das Sagen und die Aufgabe, ihre Schützlinge in neue Weidegründe zu führen, zum Wasser zu geleiten und zur Nacht in ein sicheres Revier zum Schlafen zu bringen. Sie alleine bestimmt, wann geruht und wann wo gefressen wird. Die Herdenmitglieder unterwerfen sich dieser Stute, setzen keinen Widerstand gegen ihre Entscheidungen. Denn die Leitstute managt das Herdenleben zusammen mit dem Leithengst, der die Herde von hinten sichert und der der Vater der Fohlen wird. Somit sind die Fohlen eines Jahrgangs oder manchmal einiger Jahre Halbgeschwister. Die weiblichen Tiere einer Herde sind dadurch häufig irgendwie miteinander verwandt und kennen sich von klein auf. Die Junghengste verlassen wegen des Vaters irgendwann als Halbstarke den Familienverband und versuchen, eine eigene kleine Familie zu gründen. Hat die Leitstute dann ein eigenes Fohlen, was fast jedes Jahr der Fall ist, kümmert sie sich darum, oft noch um den Jährling vom letzten Jahr – und nimmt zusätzlich ihre Führungsaufgaben gewissenhaft wahr.

Schauen wir nun im Vergleich einmal in die Herden unserer domestizierten Pferde, die bei uns in den Reitställen zu Hause sind – dann fällt auf: Die Aufgaben einer Leitstute gibt es für das Pferd nicht mehr. Die hat der Mensch übernommen. Er bestimmt über die Vermehrung, ob und von wem eine Stute gedeckt wird. Er teilt die Weide zu, und das Futter kommt nicht selten vom Automaten. Wasser kann sich jeder an der Tränke nehmen.

Die innere Struktur der domestizierten Herde ist außerdem auch nicht vergleichbar. Hier kennen sich die Herdenmitglieder meistens nicht, sie sind „bunt“ zusammengewürfelt – so wie es sich durch die Einsteller ergeben hat. Der Leithengst fehlt so gut wie immer. Die Herdenmitglieder wechseln. Diese Zusammenstellung ist eher als eine Gruppe zu bezeichnen weniger als Herde, da die soziale Herdenstruktur fehlt.

Diese Gruppen haben auch häufig kein Leittier. Was man aber findet, ist das Tier mit dem höchsten Rang. Bisher hat man den höchsten Rang gleichgesetzt mit der Position eines Leittieres. Es stimmt, dass das Leittier den höchsten Rang hat – aber das Tier mit dem höchsten Rang ist nicht automatisch das Leittier. Falls es wenig soziale Kompetenzen hat, sorgt es oft nur für sich – dass es zuerst Futter, Wasser und Platz bekommt. Es kümmert sich aber nicht um die Herde und führt sie auch nicht adäquat. Es kommt erschwerend hinzu, dass ja auch kaum bis keine Führungsaufgaben zur Verfügung stehen. Denn im Grunde rationalisieren wir in unseren domestizierten Herden die Leittiere weg. Dadurch haben diese Gruppen oft wenig Struktur – eine mögliche Ursache für die schwierige Vergesellschaftung/Integration neuer Tiere in bestehende Gruppen.

Nun zu der populären Behauptung: Wenn man mit Pferden kommuniziert, wird man dadurch zum Leittier. Auch ein Trugschluss.

Seit es die Pferdeflüsterer in Deutschland gibt, hält sich die Idee von der durch das Join Up geprägten Chefposition hartnäckig in den Köpfen der Pferdebesitzer: Der Vierbeiner wird in den Round Pen geschickt – und durch die Anwendung der Join Up-Methode wird man zum Chef.

Das ist einer von vielen Irrtümern im Umgang mit Pferden. Der Gedankenfehler ist sehr schnell zu entlarven. Es kann nicht sein, dass ein Mensch – weil er anteilige Vokabeln der Pferdesprache anwendet – zum Leittier aufsteigt. Alle Pferde einer Herde können ihre Sprache perfekt. Sie sind alle Muttersprachler – und jeder Mensch ist weniger gut darin, als das Pferd selbst. Dennoch ist nur eines der ganzen Herde das Leittier. Es kann also nicht an der Sprachkompetenz liegen, ob man Leittier ist. Es muss andere Qualitäten geben, die das Leittier zu einem solchen machen.

Und das ist die soziale Kompetenz. Es sind die Eigenschaften wie Geduld, Fairness, Gerechtigkeit, Sicherheit und Ruhe, also Führungseigenschaften, die solch‘ ein Pferd mitbringt. Das Leittier erwartet und verlangt von seinen Schützlingen nichts, was gegen die Natur ist, und was ihnen schaden könnte, nichts, was es nicht auch selbst tun würde. Besonders wichtig dabei: Es verstößt nicht gegen die Regeln! Es will seine Herdenmitglieder nicht verändern, jeder darf bleiben wie er ist. Das unterscheidet es von uns Menschen. Und genau das ist auch unser Handicap beim Kampf um den hohen Rang.

Vielleicht sollte man sich überlegen, von dem Begriff Leittier oder Chef wegzukommen. Es trifft nicht den Kern der Sache. Selbst wenn man brillant und kompetent in der Pferdesprache einen Machtkampf ausgefochten und gewonnen hätte und danach die Position des Leittieres haben würde, stellt sich doch die Frage: Was passiert während meiner Abwesenheit? Denn der Mensch ist immer nur temporär für die Pferde verfügbar, den Großteil seiner Zeit glänzt er mit Abwesenheit. Dann stellt sich doch die Frage: Wäre dann das Pferd ohne Leittier? Strapaziert man das Thema noch ein wenig, wird die Komplexität dieser Situation noch deutlicher: In Reitställen mit großem Pferdebestand müsste es nach dieser Theorie so viele Leittiere geben wie Pferdebesitzer… kaum wirklich vorstellbar. Man sieht schon, irgendwas ist da faul.

Es ist eher so: Pferde suchen auf jeden Fall immer wieder, wenn zwei oder mehr Tiere zusammen sind, den Entscheidungsträger der jeweiligen Situation. Der muss sich dafür kompetent zeigen, und die Verantwortung für die Situation übernehmen – denn er entscheidet auch, was zu geschehen hat.

Dazu ein Beispiel, wie das gemeint ist:

Zwei Menschen treffen sich in einer Stadt zum Einkaufsbummel. Der Erste ist dort fremd, kennt sich nicht aus. Der Zweite sagt: „Ich kaufe hier oft ein. Ich weiß, wohin wir müssen.“ So schließt sich der Erste dem Zweiten an, welcher jetzt der Entscheidungsträger ist für die Zeit der Wegeführung in der Stadt. Als die beiden nach Hause gehen, möchten sie etwas kochen. Die Zweite sagt: „Ich kann nicht kochen, ich habe dafür kein Talent.“ Der Erste meint: „Ich koche gerne und oft. Wir kaufen diese und jene Zutaten, und ich zaubere was Feines für uns.“ Damit war die erste Person für diesen Part jetzt der Entscheidungsträger, weil die Kompetenz bei ihr lag. Später trennten sie sich wieder nach leckerem Essen, und niemand war oder blieb der „Chef“ des anderen.

Das bedeutet, übertragen auf die Pferdewelt, jeder Mensch sollte für sein Pferd zu einem Entscheidungsträger werden, bevor dann Entscheidungen gefällt werden müssen. Ist der Mensch derjenige, der das Sagen in der Situation hat, egal ob beim Reiten oder in der Ausbildung des Pferdes, gibt es keine Diskussionen. Das Pferd kann sich konzentrieren auf das, was es lernen soll. Und es WILL gehorchen, weil es instinktiv machen WILL, was der Entscheidungsträger sagt.

Um diesen Weg zu gehen, muss man die Pferdesprache, die ich Motiva genannt habe, verstehen und sprechen können, sich an die sozialen Regeln der Pferde halten und die Rangordnungsrituale anwenden können. So hat man gute Karten, vom Pferd die Anerkennung zu erhalten, die beiden das Lehren und Lernen leicht macht. Der Respekt muss nicht mit Strenge erwirtschaftet werden, der gehört sowieso dazu. Das ist dann wirklich ein Weg der friedlichen Konfliktlösung, gewaltfrei und artgerecht.

In diesem Sinne viel Freude mit Ihrem Pferd.

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Von Gertrud Pysall sind inzwischen zwei Bücher und eine DVD im environmental protection essay in malayalam erschienen:

Narayana_G-Pysall_Was-Pferde-wollenWas Pferde wollen

Dieses Buch ist nicht nur für alle Pferdefreunde eine Offenbarung, sondern auch für die Menschen, die schon immer eine unerklärliche Sehnsucht nach Pferden oder Reiten verspürten. In jahrelanger Arbeit erforschte Gertrud Pysall das Wesen und die Verhaltensweisen von domestizierten Pferden, deren Umgang mit Menschen und die Reaktionen auf das Leben in Stallungen anstatt in freier Wildbahn. Sie gibt jedem Leser wertvolle Hilfen an die Hand, zu einem harmonischen und friedlichen Miteinander zu finden.

http://www.formstelle.de/

Narayana_G-Pysall_Was-Pferde-wollen_DVDWas Pferde wollen – der Film

Die Enttäuschung der Pferde über den sprachlosen Menschen: Anlässlich eines Tierhomöopathie-Kongresses referierte Getrud Pysall über ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit Pferden und deren Kommunikation – sowohl untereinander, als auch in Interaktion mit dem Menschen. Der Film regt zu einem kritischen und vor allem nachdenklichen Umgang mit dem Thema „Pferdeverhalten“ an.

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Narayana_G-Pysall_Das-Geheimnis-der-Pferdesprache

Das Geheimnis der Pferdesprache

In ihrem neuen Buch entschlüsselt Gertrud Pysall das Geheimnis der Pferdesprache und erklärt das Kommunikationssystem der Pferde. In ihrem Buch „Das Geheimnis der Pferdesprache“ erklärt sie dieses Kommunikationssystem und zeigt, wie jeder Pferdefreund zum Pferdeversteher werden kann.

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