Maike Maja Nowak erzählt, wie sie mit den Hunden tanzen lernte…

20. Juni 2011 | Von Redaktion | Kategorie: Buch-Tipp, Interviews
Maike Maja Nowak nutzt ihre differenzierten Lebens- und Berufserfahrungen, um Menschen mit und ohne Hund zu helfen (Foto: privat).

Maike Maja Nowak nutzt ihre differenzierten Lebens- und Berufserfahrungen, um Menschen mit und ohne Hund zu helfen (Foto: privat).

Ende Februar 2011 erschien im Goldmann Verlag von der Heilpraktikerin und Hundetherapeutin Maike Maja Nowak ein Buch mit dem Titel „Die mit dem Hund tanzt“, welches auf amüsante, manchmal auch ironische, aber immer informative Art wahre Geschichten über das Beziehungsgeflecht ihrer zwei- und vierbeinigen Klienten erzählt.

Die Autorin Maike Maja Nowak studierte Hundepsychologie und ist Verhaltenstherapeutin für Hunde, wendete sich jedoch bald ab von allen herkömmlichen Lehr- und Hundeerziehungsmethoden hin zu den Methoden der natürlichen (Führungs-)Kompetenz. Druck und Leckerli als Führungsersatz sowie die Erziehung von Hunden zu Konditionierungsmaschinen lehnt sie kategorisch ab.

Viele Reiter sind auch Hundebesitzer. Aber nicht nur für Hundebesitzer können sowohl das Buch als auch das nachfolgende Interview zahlreiche Informationen und Anregungen für einen artgerechten Umgang mit den Tieren liefern. HORSEtoday. sprach mit der Autorin über Kommunikation und Kompetenz, aber auch über den zunehmenden Verlust an Beobachtungsgabe und Bauchgefühl.

[HORSEtoday.]: Frau Nowak, für Ihr aktuelles Buch haben Sie den Titel „Die mit dem Hund tanzt“ gewählt. Warum dieser Titel?

[Maike M. Nowak]: Einen Hund gut zu führen, ist wie ein Tanz. Nur wenn der Geführte dem Führenden vertraut, und jener souverän führt, verläuft der Tanz harmonisch.

[HORSEtoday.]: Wie kommt der auffällige Berufswechsel zustande? Sie waren beruflich als Sängerin und Liedermacherin engagiert, sind Heilpraktikerin für Menschen und Hundepsychologin sowie –Trainerin. Von außen betrachtet haben diese Berufe nicht unbedingt eine Verbindung… oder doch?

[Maike M. Nowak]: Nach meinem neunzehnjährigen Bühnenberuf, der ein ständiges nach außen Senden verlangte, kann der Wechsel zu einem Beruf, der Aufnehmen, Zuhören und instinktives Handeln erfordert, eine lebensrettende Maßnahme bedeuten.

Die Ausbildung zur psychologischen Heilpraktikerin ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit mit Hundehaltern, die oft Änderungen in ihrem eigenen Verhalten meistern müssen und dazu Unterstützung brauchen. Wenn ich z.B. einem ängstlichen Menschen sage, dass er souveräner sein sollte, um seinen Hund nicht zu verunsichern, so wird das ihm nichts nützen, wenn ich ihn nicht darin unterstützen kann, diese Fähigkeit zu erlangen.

Vorbild für ihr Training ist die natürliche Kompetenz ihres Leithundes Wanja (Foto: privat).

Vorbild für ihr Training ist die natürliche Kompetenz ihres Leithundes Wanja (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Sie bezeichnen sich als psychologische Heilpraktikerin für Menschen mit Hundephobie. Wie kommt diese Spezialisierung zustande?

[Maike M. Nowak]: Ich bin psychologische Heilpraktikerin und behandle seit Jahren auch Menschen mit Hundephobie. Das liegt wegen meiner psychologischen Ausbildung für Menschen und Hunde sehr nahe. Weiterhin leben drei Therapiehunde mit mir, die ich in die Therapie mit einbeziehe.

[HORSEtoday.]: Gibt es so viele Menschen mit einer Angst vor Hunden? Ist die Tendenz steigend und – diesen Fall vorausgesetzt – welche Gründe sind aus Ihrer Sicht hierfür ursächlich?

[Maike M. Nowak]: Es gibt viele Menschen, die sich vor Hunden ängstigen, weil sie ihre Sprache nicht deuten können und/oder weil sie schlechte Erfahrungen mit ihnen machten.

Patientinnen mit Hundephobie, die ich bisher behandelte, haben jedoch oft im Hintergrund mit ganz anderen, unbewussten Ängsten zu tun: Ängste, die durch diese eine Phobie “Hunde” eine Bündelung erfahren, mit der die Seele besser umgehen kann, als mit ungefilterten Ängsten, die sie jeder Zeit überfluten könnten. Eine Phobie ist ein Trick der Seele, um zu überleben, bis der Mensch ein neues Repertoir zur Verfügung hat, um mit seinen Ängsten umzugehen. Ich muss also diesen versteckten Ängsten auf die Spur kommen und dann mit meinem Klienten neue Lösungen zum Umgang damit einüben.

Maike Maja Nowak lebte viele Jahre in Russland, bevor sie wieder nach Deutsch^land zurückkehrte (Foto: privat).

Maike Maja Nowak lebte viele Jahre in Russland, bevor sie wieder nach Deutschland zurückkehrte (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Von „Hundephobien“ handelt Ihr Buch eher weniger – dafür von Menschen mit Defiziten im Umgang mit dem Hund. Woher kommen diese Defizite? Es gibt immer mehr (Hunde-Ratgeber, Hundevereine, Welpenschulen – und dennoch scheint der Umgang mit dem Hund und das Erkennen der Bedürfnisse eines Hundes für den Menschen zunehmend schwieriger zu sein. Würden Sie dem zustimmen? Wie erklären Sie sich die Diskrepanz?

[Maike M. Nowak]: Mich erinnert die Situation an die Kindererziehung, in der früher viel Gewalt herrschte und später die antiautoritäre Erziehung Einzug hielt. Ein Extrem löst häufig das andere ab, bis wir eine Mitte finden. Auch in der Hundeerziehung gibt es diese Vergangenheit, und die Gegenwart besteht zum großen Teil aus dem Versuch der antiautoritärer Erziehung, in der es keine Grenzen gibt und in der mit Bestechung gearbeitet wird. Inzwischen ist den meisten Hundehaltern jedoch klar, dass Bestechungen nur funktionieren, wenn der Bestochene sie gerade will. Es fühlt sich nicht gut an, ständig Lotto zu spielen.

Ein großes Kommunikationsmissverständnis ist, dass wir Hunde so behandeln, wie wir selbst miteinander umgehen. Wir erklären ihnen ständig Dinge, die sie tun sollen. Mach mal das, und mach mal dies und jenes auch noch. Hunde dürfen im Rudel den ganzen Tag tun und lassen, was sie möchten. Der Leithund/die Leithündin mischen sich nur ein, wenn Gefahr droht oder Konflikte vermieden werden müssen. Dann jedoch sagen sie nicht, was zu tun ist, sondern, was NICHT zu tun ist.

Ein entscheidender Unterschied!

Von den Hunden lernen: In Russland hatte die Autorin die Möglichkeit, das Verhalten der Hunde im Rudel zu studieren - und die Erkenntnisse aus diesen Beobachtungen für die Erziehung und im Umgang mit dem Hund zu nutzen (Foto: privat).

Von den Hunden lernen: In Russland hatte die Autorin die Möglichkeit, das Verhalten der Hunde im Rudel zu studieren - und die Erkenntnisse aus diesen Beobachtungen für die Erziehung und im Umgang mit dem Hund zu nutzen (Foto: privat).

Da auch Trainer Menschen sind, sind diese menschliche Umgangsform und viele verschiedene Blüten an Methoden nicht verwunderlich. Die Methoden gehören jedoch fast alle zum selben Strauß. Der schmückt zwar einen Ruf als Trainer, hat mit der Kommunikation mit Hunden jedoch nichts zu tun.

Kommunikation mit Hunden ist keine Methode. Man kann sie nicht erfinden. Es gibt sie, seit es Hunde gibt. Es gilt nur hinzuschauen.

In meinem Buch geht es um diese Kommunikation und Beziehungen zwischen Menschen und ihren Hunden.

[HORSEtoday.]: Im Pferdesport ist eine vergleichbare Tendenz zu beobachten. Die Vermutung liegt nahe, dass der Grund hierfür in der Entwicklung zum Breitenport zu suchen ist: Pferde sind erschwinglicher geworden, die Finanzierung der Tiere und deren Haltung ist nicht mehr nur auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen begrenzt, die allerdings auch häufig auf ein historisch bedingtes, fundiertes Wissen zurückgreifen konnten. Waren die (wirtschaftlichen oder sonstigen) Barrieren früher eventuell auch höher, bevor man sich einen Hund anschaffte? Sollten Hunde und deren Haltung verteuert werden, damit vor allem wirtschaftliche Überlegungen entweder zu einer negativen Kaufentscheidung oder aber zu einem vermehrten Informationsbedürfnis und einem sorgsamen Umgang mit dem Hund führen?

[Maike M. Nowak]: Leider gibt es zu viele Hundevermehrer, die spottbillig Hunde verkaufen und die ihr lukratives Geschäft nicht aufgeben würden. Ich denke, der bessere Weg ist, Menschen aufzuklären, wie einfach der Umgang mit einem Hund sein kann. Ich erlebe da eine große Bereitschaft, wenn Menschen davon erfahren und Erfolge damit haben, umzudenken und auch auf die Bedürfnisse des Hundes einzugehen.

[HORSEtoday.]: Oder ist der Grund für die starke Nachfrage nach Hunden vor allem in dem vermehrten Wunsch nach emotionaler Bindung des Menschen an das Tier zu suchen?

[Maike M. Nowak]: In einer Zeit der emotionalen Verarmung sind Tiere wie nie gefragt. Sie sind loyal zu Menschen, ob alt, jung, dünn, dick, arm, reich, klug, dumm. Wir sollten darüber nachdenken, wie WIR den Umgang miteinander ändern können, damit nicht Tiere ihn ausgleichen müssen.

Urig und ursprünglich - in weiten Teilen Russlands ist das Leben sehr einfach, aber dadurch auch noch recht erd- und naturverbunden... (Foto: privat).

Urig und ursprünglich - in weiten Teilen Russlands ist das Leben sehr einfach, aber dadurch auch noch recht erd- und naturverbunden... (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Ist es Zufall, dass sich der Eindruck aufdrängt, dass die Menschen früher mit den Tieren selbstverständlicher umgingen – obwohl nicht jeder Tierbesitzer war? Heute gewinnt man den Eindruck, dass sich zwei Extreme entwickeln: Einerseits immer mehr Tierbesitzer mit immer weniger Kenntnissen über das Tier und andererseits immer mehr Menschen mit Phobien vor den Tieren. Oder ist diese Sichtweise zu polarisierend?

[Maike M. Nowak]: Ich habe insgesamt das Gefühl, dass wir den Kontakt zu unserer eigenen Natur und der Natur, die uns umgibt, immer mehr in Kontrollverhalten mündet, mit dem wir uns sicherer fühlen. Das ist natürlich eine Täuschung, weil wir den Kontakt zu unserem Instinkt verlernen, dem besten Informanten bei Gefahr und Entwarnung. Kontrolle kann das niemals leisten.

[HORSEtoday.]: Eine weitere Parallele zum Pferdesport: Früher gab es einen Ausbilder auf einem Betrieb, der als „Kompetenzträger“ akzeptiert war und sein Wissen weitergab. Heute können die Reiter auf zahlenmässig mehr Ausbilder zugreifen, die auch als mobile Trainer ihren Lebensunterhalt verdienen. Das Wissen um das Pferd und vermutlich auch der Lernwille (in letzter Konsequenz) scheinen aber deutlich zurückzugehen. Auch für die „Hundeszene“ ist diese Entwicklung zu beobachten: Zahlreiche Hundetrainer, unterschiedliche Philosophien im Hinblick auf die Erziehung, die Fütterung, etc. Könnte das Überangebot die Tierbesitzer eventuell überfordern?

[Maike M. Nowak]: Hundebesitzer sind damit komplett überfordert. Woher sollen sie wissen, dass all die toll beschriebenen Methoden und die modernsten Erkenntnisse einen einzigen, oft verzweifelten Versuch darstellen, ein Tier zu beherrschen, was es eigentlich nur zu verstehen gälte.

[HORSEtoday.]: Wo haben Sie Hundepsychologie studiert? Wie lange dauert ein solches Studium und welche Schwerpunktthemen (Fächer) umfasst es?

[Maike M. Nowak]: Da ich die Inhalte dieses Fernstudiums inzwischen komplett ablehne, möchte ich darauf keine Antwort geben, um das Institut nicht in Misskredit zu bringen. Martin Rütter z.B, der durch seine Medienpräsenz viel dafür getan hat, dass Menschen überhaupt davon wissen, dass Hunde vom Verhalten ihres Menschen abhängen, arbeitet mit diesen Lehrinhalten, also mit Konditionierungen.

... für Maike Maja Nowak ein Vorteil, konnte sie doch auf diese Weise ausgiebig das Verhalten eines Rudels Dorfhunde beobachten (Foto: privat).

... für Maike Maja Nowak ein Vorteil, konnte sie doch auf diese Weise ausgiebig das Verhalten eines Rudels Dorfhunde beobachten (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Trotz dieser vermutlich „klassischen“ Ausbildung fahren Sie einen ganz anderen Ansatz in der Hunde-Erziehung: Anstelle von Konditionierung mit Hilfe von „Leckerlis“ leiten Sie die Hunde durch natürliche Autorität (im positiven Sinne!) und Souveränität: Ursächlich hierfür waren Ihre Beobachtungen und Erlebnisse mit Ihrem Rudel russischer Dorf- und Waldhunde. Erläutern Sie doch bitte kurz die Vorgehensweise bei Ihrem Ansatz im Vergleich zu den bisher üblichen Verfahren.

[Maike M. Nowak]: Der Unterschied zwischen Konditionierungen und Kommunikation ist, dass man im ersteren Falle den Hund versucht, von einer Situation abzulenken und im zweiten Fall dem Hund die Situation und die Entscheidung, die man darüber trifft, erklärt.

Wenn ich mit einem leinenaggressiven Hund trainiere, kann ich mit einer Konditionierung (”bei Fuß”, “Schau”, oder einem hingehaltenen Leckerchen) versuchen, vom anderen Hund abzulenken. Das ist für mich wie Lottospielen. Ich kann ihn jedoch auch informieren, dass ich den anderen Hund ebenfalls gesehen habe und dass dieser meine Baustelle ist und ich keine Einmischung wünsche. Das alles mache ich mit nur einem Stoppgeräusch: “SSSt” (ein Hund würde statt dessen Knurren) und ich handele, wenn der Hund nicht stoppt, wie ein Hund mit einer Bewegungseinschränkung oder mit einem imitierten Abschnappen (zwei Finger). Diesen Ablauf erlebte ich bei meinem russischen Leithund, Wanja, mehrfach am Tag, wenn ein Schnösel im Rudel sich mit einem anderen Dorfhund anlegen wollte und die Gruppe dadurch in die Gefahr einer Rauferei brachte.

Ein weiteres Beispiel: Um einem Hund Leinenführigkeit (also ein neben mir Laufen) beizubringen, sage ich ihm nicht, dass er bei Fuß laufen soll, was für ihn genauso verständlich ist, wie für Sie: ” Krysha paehala” und zudem eine Aufgabe bedeutet, der er der ganzen Zeit angestrengt nachgehen muss. Ich mache es auf Hundeart und erkläre den Raum vor mir zum Tabu, indem ich ein Stoppgeräusch mache und seine Bewegung einschränke, wenn er darauf nicht reagiert. Das versteht er sofort, weil jegliche Stopps von Hunden selbst angewendet werden. Er darf sich jetzt entspannt dort bewegen, wo ich ihn nicht stoppe: Seitwärts. Ich habe auch nichts gegen einen Seitenwechsel hinter mir, wenn es auf der anderen Seite für den Hund toll riecht. Er soll mir nur nicht vor den Füßen herum laufen, und er soll nicht vorn in der Leine hängen. Bei einem ängstlichen oder aggressiven Hund ist das vorn Laufen auch noch wie ein Auftrag zu Handeln, und es bedeutet eine eindeutige Botschaft von mir, wenn ich ihn hinter mich schicke. (Entspann dich, ich mach das schon.)

Kommunikation und Kompetenz, aber auch eine differenzierte Beobachtungsgabe und ein gutes Bauchgefühl sind die Eckfeiler im Umgang mit dem Tier im Allgemeinen und dem Hund im Speziellen (Foto: privat).

Kommunikation und Kompetenz, aber auch eine differenzierte Beobachtungsgabe und ein gutes Bauchgefühl sind die Eckpfeiler im Umgang mit dem Tier im Allgemeinen und dem Hund im Speziellen (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Warum findet sich ein solcher Ansatz nicht in den Wissenschaften, wie beispielsweise der Verhaltensbiologie, Ethologie, etc.? Gibt es erste Reaktionen seitens der Wissenschaft und – falls ja – wie sahen diese aus?

[Maike M. Nowak]: Es gab bisher viele Reaktionen von anderen Trainer/innen, die die Neugier und die Souveränität besitzen, alte Wege zu verlassen und Neues zu wagen. Im Juli und im Oktober werden Arbeitstreffen für Trainer/innen in meinem Dog-Institut in Berlin stattfinden.

Es erfordert immer Mut, Gewohntes aufzugeben und sich auf Neuland zu wagen. Es wäre eine neue Chance, den Krieg der Methoden zu beenden und gemeinsam hinzuschauen, was Hunde UNS lehren.

Wissenschaftler haben sich noch nicht zu Wort gemeldet.

Ich habe auch keinerlei wissenschaftliches Anliegen. Ich nehme instinktiv wahr und agiere auch so. Das ist sehr unwissenschaftlich, aber es entspricht Tieren, denen unsere Wissenschaft völlig egal ist. Auch meine Arbeit mit Energie ist wissenschaftlich absolut fragwürdig. Das Wunderbare jedoch ist, dass wir bereits in vielen Bereichen und seit langer Zeit Dingen vertrauen, die noch nicht nachweisbar sind, jedoch zum Ziel führen. Das Magnetfeld einer Kompassnadel z.B. ist unter keinem Mikroskop der Welt nachweisbar. Dennoch vertrauen ihm gestandene Kapitäne und lassen sich von dieser wissenschaftlich nicht nachgewiesenen Energie über ganze Ozeane führen.

Auch bei den wissenschaftlichen Erklärungen des Hundeverhaltens sollten wir beginnen, darüber nachzudenken, dass diese Deutungen Menschen vornehmen, und dass wissenschaftliche Erkenntnisse in dem Rahmen begrenzt sind, wie die Phantasie und die Kreativität des Wissenschaftlers selbst begrenzt ist, der deutet.

Heute lebt die Autorin und Hundetrainerin in Berlin (Foto: privat).

Heute lebt die Autorin und Hundetrainerin in Berlin (Foto: privat).

[HORSEtoday.]: Der „Konditionierungsansatz“ wird auch im Pferdesport häufig angewendet – inzwischen auch gerne in Form des bekannten Clickertrainings. Sehr amüsant – aber auch interessant – war ein Hinweis in Ihrem Buch, dass der Hund bei dieser Methode im Grunde immer abwägt, welches „Leckerli“ für ihn eine grössere Verlockung darstellt. Der Vergleich bezog sich auf die Situation eines Jagdhundes, der zwischen dem (kleinen) Goody in der Hand des Besitzers und dem grösseren – und deutlich spannenderen, weil sich bewegenden – Wildhasen auf der Wiese zu entscheiden hat. Die klassische Konditionierung wird aber offensichtlich nicht kategorisch von Ihnen abgelehnt – stimmt der Eindruck? Wann ist welche „Erziehungsmethode“ empfehlenswert bzw. angebracht? Und wie sollte ich – bei diesem Beispiel bleibend – meinen jagdlich orientierten Hund überzeugen, dass die Wahl zwischen Wildhase und mir im Grunde gar nicht existiert, d.h. die Entscheidungsfreiheit aufgrund meiner Autorität (oder meines Leckerlis?) nicht zur Debatte steht?

[Maike M. Nowak]: Wenn der Hund gerade emotional nicht aufgeladen ist und ich ihn aus irgendeinem Grund in eine sitzenden Position bringen muss, dann ist ein konditioniertes “Sitz” dazu absolut brauchbar (z.B. in einem öffentlichen Verkehrsmittel). Wenn er jedoch z.B. an einer Stelle bleiben und sich entspannen soll, dann wäre die Aufgabe “Sitz” absolut kontraproduktiv, weil ein Hund sich nicht entspannen kann, wenn er etwas zu tun bekommt. Das wäre so, als sagte ich zu Ihnen “Lächeln Sie bitte!” und verlasse den Raum. Ich wäre gespannt, wie lange Sie durchhalten. Deshalb warten alle Hunde, die mit “Sitz, Platz, Bleib” dazu aufgefordert werden, sehr angespannt auf die Auflösung.

Einem Hund, der einfach irgendwo bleiben soll, würde ich kommunizieren, dass der Raum um ihn herum jetzt gerade Tabu ist. Wenn dieses Tabu eine Zeit andauert, wird er sich von ganz allein hinsetzen, dann hinlegen und dösen oder schlafen. Hunde sind effizient: Wenn es für sie nichts zu tun gibt, tun sie auch nichts (vorausgesetzt sie haben keinen hohen Körperdruck durch zu wenig Auslastung, und sie vertrauen ihrem Menschen).

Auch ein Zusammenspiel von Kommunikation und Konditionierungen kann sehr hilfreich sein. Wenn ein Hund starke Ängste vor Objekten oder Subjekten hat, würde ich ihm im Falle ihres Auftauchens immer zuerst kommunizieren: “SSST” (Stopp, ich habe es auch gesehen und kümmere mich darum). Wenn der Hund mir dann vertraut, würde ich ihm etwas anbieten, was er gut kann (z.B. ein vorher erarbeitetes “Touch”, bei dem er meine Hand berührt), damit er ein Gefühl von Kontrolle bekommt (Angst bringt immer einen Kontrollverlust mit sich). So kommen wir durch die Situation, und der Hund erlebt sie entspannt. Das ist die wichtigste sinnliche Erfahrung überhaupt.

Würde ich dem Hund vorher nicht mitteilen, dass ich sein Objekt/Subjekt der Angst auch gesehen habe und er sollte gleich “Touch” machen oder bekommt ein Leckerli zur Ablenkung ins Maul gestopft, muss er denken, ich schlafe und bemerke die “Gefahr” nicht. Ich überlasse es nun seiner (Angst-)Entscheidung, ob er sich von mir ablenken lässt oder auf den Hund reagiert.

Hunde spiegeln häufig das Verhalten ihrer Besitzer wider. Selbstkritische Reflexion im Umgang mit dem Vierbeiner ist daher für jeden Hundebesitzer ein wichtiges Thema, soll der Hund noch Hund bleiben dürfen (Foto: privat).

Hunde spiegeln häufig das Verhalten ihrer Besitzer wider. Selbstkritische Reflexion im Umgang mit dem Vierbeiner ist daher für jeden Hundebesitzer ein wichtiges Thema, soll der Hund noch Hund bleiben dürfen (Foto: privat).

Zur Jagd: In meinem Rudel in Russland jagten die Hunde beim Gang über die Wiesen und Felder, wenn es etwas zu jagen gab. Wir alle waren Selbstversorger, die Menschen und die Hunde. Musste ich jedoch zu einer Babuschka und bog ab außer Sichtweite, brach der Leithund Wanja die Jagd kurzer Hand ab, um mir zu folgen. Das Rudel wiederum folgte ihm. Das ist für mich der Nachweis, dass man auch einen Trieb unterbrechen kann, der nichts mit Erziehung zu tun hat. Das geht jedoch nur, wenn man im Alltag tatsächlich seinem Hund gegenüber ein Leitwesen darstellt. Ein Leithund sorgt nicht dafür, dass ein Hund nicht wegkommt. Er rennt nicht hinterher oder wartet brav. Er ist dazu da, alle kritischen Situationen im und um das Rudel herum im Blick zu haben. Er ist jedoch nicht dazu da, dafür zu sorgen, dass keiner den Anschluss verpasst. Nach meiner Erfahrung mit Hundebesitzern läuft genau das von Anfang an falsch. Gerade, wenn man dem Hund noch nicht vertraut, weil die Bindung noch wachsen muss, dreht man sich ständig nach ihm um, sorgt dafür, dass er nicht wegkommt. man übernimmt SEINE Aufgabe und wundert sich, wenn der Hund das dankbar annimmt und sich später auch nicht mehr darum kümmert.

Ich empfehle zum Beispiel, in einer geschlossen Gartenanlage zwei Wochen jeweils ein bis zwei Stunden am Tag frisch drauflos zu marschieren und nicht zu schauen, wo der Hund bleibt – das bedeutet nicht, keinen Kontakt zum Hund mehr zu haben. Man sollte nur nicht schauen, wo er bleibt. Für Kontrollmenschen, die das nicht aushalten, empfehle ich einen kleinen (Rück-)Spiegel zur Beruhigung. Dieses Signal jedoch: “Ich schaue jetzt nicht mehr, wo du bleibst. Es ist deine Aufgabe, nach mir zu schauen.” ist besser als jeder konditionierte Abruf. Vorausgesetzt, diese HALTUNG und Aufgabenverteilung ist geklärt, kann man auch beim Jagdansatz ein Stoppgeräusch machen und sich zügig entfernen. Der Hund verlässt sich dann nicht mehr darauf, dass man dafür sorgt, dass er einen wieder findet und folgt zügig. Toll ist das besonders mit einem Fahrrad zu machen, mit dem man das Tempo des Hundes erreicht. Durch unsere langsame Fortbewegungsart hat der Hund oft bereits die Erfahrung gemacht, dass er erst noch dem Hasen hinterher kann und uns dann dennoch einholt.

Das erfordert Mut und Vertrauen in den Hund. Wagen Sie es! Sie werden erstaunt sein, über die Antworten, die Ihr Hund Ihnen gibt.

[HORSEtoday.]: Frau Nowak, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Die Autorin:

Die ostdeutsche Liedermacherin Maike Maja Nowak wurde durch ihre provokante Art, poetische Musik und ausdrucksvolle Stimme in Ostdeutschland, Russland und Westdeutschland bekannt. Sie wurde mit mehreren Preisen geehrt. 1990 begann sie, die russische Dichterin Marina Zwetajewa zu vertonen und entschloss sich, nach Russland zu gehen.

Während einer Tourneepause kam sie in das Dörfchen Lipowka, in das sie umsiedelte. Dort hatte sie Gelegenheit, ein zehnköpfiges Hunderudel und deren souveräne Führung durch den Leithund zu studieren. Der Umgang der Hunde faszinierte sie. Ende 1997 kehrte sie zurück nach Berlin zu einer zweijährigen Deutschlandtournee. 2000 verließ sie die Bühne. Sie holte den schwer verhaltensgestörten Hund Viktor zu sich. Er wurde der Anlass für ihr Studium der Hundepsychologie und Verhaltenstherapie. Heute arbeitet sie als „Hundeflüsterin“ und Therapiehundeführerin sowie als psychologische Heilpraktikerin für Menschen mit Hundephobie. Sie ist Gründerin und Leiterin des Dog-Institutes, einer Hundeschule für Training und Verhaltenstherapie, die mittlerweile deutschlandweit bekannt ist. Außerdem veranstaltet sie Seminare mit Hunden für Führungskräfte. Im Juni 2008 wurde sie von Klaus Wowereit als „Offizielle Botschafterin“ von Berlin ausgezeichnet.

Bibliographie:

image003Maike Maja Nowak
Die mit dem Hund tanzt
Tierisch menschliche Geschichten
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,
256 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-39212-4
17,99 | 18,50 | 27,90* (empf. VK-Preis) empfohlener Verkaufspreis
Verlag: Mosaik Verlag

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2 Kommentare
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  1. Tolles Buch! Ganz anders, als die sonst üblichen “Hunde-Erziehungsbücher”. Wird es eine Fortsetzung geben?

  2. lLiebe Frau Nowak
    Ich hatte ihr Buch gekauft da meine Hündin schreit und beißt ab und zu immer noch nach 3 Jaher aus dem Tierheim !Im Urlaub in Frankreich ist uns ein 6 Monate Welpe (Rüde )zugelaufen ,nach allen Formalitäten haben wir ihn in unserem kleinen Wohnmobil mitgenommen .Da wir aber noch einen Rüden haben ging es bei uns drunter und drüber ….mir viel ein das ich ja ihr Buch mit hatte DIE MIT DEM HUND TANZT und habe es im Urlaub verschlungen denn das war unsere Rettung !Ich habe viel gelernt aus dem Buch (trotz 20 Jahre Hunde)und konnte direkt einiges anwenden ,so das wir Heute ein kleines liebes Rudel haben .Es ist ein tolles Buch .

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