Hin und weg von der Losgelassenheit

21. September 2016 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[Anne Schmatelka]. Seit neuestem ist Losgelassenheit in der Reiterei wieder ein absolutes „In-Thema“. Alles und jeder muss losgelassen sein: das Pferd, der Reiter, der Kopf, der Körper, die Zügel, die Hinterhand. Alles wird losgelassen und wichtige Grundlagen in dem Zusammenhang scheinbar auch weggelassen.

Gibt es einen Weg zur Losgelassenheit? (Foto: Jörg N./pixelio.de).

Gibt es einen Weg zur Losgelassenheit? (Foto: Jörg N./pixelio.de).

Wenn man sich alle diese aufwendig vermarkteten Erkenntnisse näher betrachtet, zeigen sie allerdings eher den Weg weg von der Losgelassenheit.

Da wird berichtet, dass der Reiter losgelassen und unverspannt im Pferd sitzen soll. Aber es werden mehr und mehr Sättel konzipiert, die Losgelassenheit des Reiters absolut unmöglich machen, da sie der Anatomie des Körpers und seiner Funktionsweise entgegenwirken.

Da wird von einem losgelassenen Sitz gesprochen, aber Sitzunterricht ist quasi ausgestorben. Jeder arbeitet an seiner Reitmethode, an seinen Lektionen, gewaltigen Sprunghöhen, endlosen Geländedistanzen, am gebisslosen Reiten, am durchhängenden Zügel, etc.. Aber korrekt sitzen scheint man heute nicht mehr zu müssen. Ist das nicht immer die Basis allen guten Reitens gewesen? Es wird über biomechanische Zusammenhänge bei Pferd und Reiter diskutiert, aber für das Reiten und Ausbilden haben sie scheinbar gar keine Bedeutung?!?

Es werden immer mehr Reitweisen und Methoden auf den Markt geworfen, die Losgelassenheit beim Pferd überhaupt nicht ermöglichen können. Das reduziert sich nicht auf die Rollkur, die noch immer von vielen Menschen mit Überzeugung vertreten wird, oder auf den Einsatz von Schlaufzügeln, sondern auch auf die vielen alternativen Reitweisen, die jedweden Schwung aus der Hinterhand genauso wie die Verbindung zum Pferdemaul für überflüssig halten.

Diese Reitweisen bauen auf keinerlei wissenschaftlich nachweisbaren Grundlagen auf. Es wird von Piaffe und Passage, fliegenden Wechseln und Pirouetten gesprochen, aber es ist keine Basis, geschweige denn die notwendige Muskulatur vorhanden, um diese Lektionen auch nur annähernd korrekt ausführen zu können!?!
Alles scheint mal eben erlernt werden zu können. Hat nicht Felix Bürkner einmal gesagt: Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen! Und wurde diese Aussage nicht über Jahrhunderte bestätigt? Sind wir heute alle so oberschlau und überklug, dass wir so viel mehr wissen, als alle großen Meister der Vergangenheit zusammen? Die Skala der Ausbildung mit ihren so wichtigen Eckpunkten, die ein Pferd durchlaufen muss, um gesund zu bleiben, wird auf einmal in Frage gestellt. Jeder hechelt auf seine Weise seinem persönlichen Erfolg hinterher. Ist das noch im Sinne der ethischen Grundsätze und im Sinne der Liebe zum Pferd?

Menschen reiten Lektionen um der Lektionen willen und begreifen scheinbar nicht, dass das Reiten von korrekt ausgeführten Lektionen eigentlich der Gesunderhaltung des Pferdes dient und nicht ihrem Selbstzweck?!

Und dann sprechen wir von „hin zu Losgelassenheit“. Vielleicht sollten wir eher ein Konzept aufbauen, dass wir „Weg von der Losgelassenheit!“ nennen? Das beherrschen wir ja scheinbar schon jetzt fast bis zur Perfektion.

Betrachtet man die flapsig aufgeführten Themen – und das sind vermutlich nicht einmal alle, die uns Reiter heute beschäftigen -, ist es offensichtlich unverzichtbar, endlich einmal wieder eine allgemeingültige Lösung für alle Pferde, Rassen und Reitweisen aufzuzeigen.
Dazu ist es notwendig, neben den heute so üblichen Hilfsmitteln, auch die Reitweisen und Systeme einzelner Privatpersonen zu analysieren und zu prüfen.

Und das immer unter dem Gesichtspunkt:
Geht das denn so?
Welche Auswirkungen hat das und worauf?
Was macht das mit mir als Reiter und mit meinem Pferd?
Bleiben wir beide dabei gesund und leistungsbereit?

Das tun wir jetzt, und wir wünschen dabei viel Spaß und viele Erkenntnisse.

Die Demonstration zeigt es deutlich: Das hat nichts mit Losgelassenheit zu tun.... (Foto: Annika Bröhenhorst).

Die Demonstration zeigt es deutlich: Das hat nichts mit Losgelassenheit zu tun.... (Foto: Annika Bröhenhorst).

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