Wovon sollen wir träumen?

1. März 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[Anke Klabunde]. Immer häufiger machen sich Reiter und Pferdebesitzer Gedanken um eine artgerechte Pferdehaltung und versuchen, die Reiterei mit den Bedürfnissen ihres Pferdes in Einklang zu bringen. Zu diesem Zwecke wird das unterschiedlichste Equipment getestet und die neuesten Reitstile praktiziert. Den zahlreichen Versprechungen von einem einfachen, schnell erlernbaren und (vor allem körperlich) wenig anspruchsvollen Reiten wird gerne Glauben geschenkt. Nur selten stellen sich nach solchen Aktivitäten die entsprechenden Erfolge ein – vorausgesetzt, die Fähigkeit für das Erkennen und vor allem die Bereitschaft zur Einsicht liegen überhaupt ernsthaft vor. Nur für den neutralen Beobachter wird die wesentliche, aber fehlende Voraussetzung ersichtlich sein: die notwendige Ausbildung des Reiters.

Wovon sollen wir träumen? (Foto: M. H. Grimm/pixelio.de).

Wovon sollen wir träumen? (Foto: M. H. Grimm/pixelio.de).

„Richtig Reiten reicht!“

So flapsig der Satz von Paul Stecken daherkommt, so relevant zeigt er sich in der Praxis. Die Kompensation mangelnder Reitausbildung durch entsprechende Reitstile, Ausrüstungsgegenstände oder alternative Betätigungsfelder mit dem Pferd ist schlichtweg unmöglich. „Reiten lernen kann man nur durch reiten!“ – und zwar unter Anleitung, mit entsprechend selbstkritischer Einstellung und Selbstreflexion. Alles andere ist zum Rohrkrepierer verdammt…

Dem Pferd ist es egal, woher der Schmerz kommt,…

… ob aus Fahrlässigkeit oder Vorsatz. Schmerz bleibt Schmerz, unabhängig von der Verursachung. Wenn wir Reiter Besserung geloben, aber selbige ausbleibt, so ist der Ansatz löblich, für das Pferd bleibt die (Lebens-)Situation jedoch unverändert (schlecht).

Reiten ist ein bewegungsintensiver Sport, der von zwei Lebewesen ausgeführt wird. Das Pferd jedoch hat nie darum gebeten, geritten zu werden. Wir Reiter sind demnach gefordert, haben wir doch die Verantwortung für den Vierbeiner übernommen. Bewegungseinschränkungen des Reiters zu Lasten des Pferdes sollten daher immer in ihrer Ursache überdacht und nach Möglichkeit ernsthaft bekämpft werden. Das Erlernen einer besonderen Fähigkeit ist grundsätzlich mit Mühe, Ausdauer und im Zweifel Anstrengung verbunden. Dies gilt vor allem für den Reitsport – auch wenn zahlreiche Vertreter bestimmter Reitstile gegenteiliges suggerieren.

Reitkunst oder Reitsport?

Auch wenn in der Literatur gerne von der Reitkunst gesprochen wird, so befreit es den einzelnen Reiter nicht von der Verpflichtung, für diese Kunst die entsprechenden Basics zu erlernen. Tanzen oder Ballett zählen sicherlich, neben einigen anderen, zu den künstlerisch wert- und anspruchsvollen Sportarten. So elegant und harmonisch ein Profi-Tänzer eine entsprechende Vorführung bestreiten kann, die Anzahl an erforderlichen Trainingseinheiten und die sprichwörtliche „Schinderei“ zur Erreichung dieser Leichtigkeit und Harmonie kann sicherlich nur ein Experte beurteilen. Der sportliche Anspruch ist die Voraussetzung dafür, dass die Reiterei zur Kunst wird. Umwege, Abkürzungen oder Hilfsmittel gibt es nicht, möchte man sich dem Thema ernsthaft widmen.

Reitsport = Fun-Sportart?

Reiten ist keine Fun-Sportart, die „mal eben schnell“ erlernt werden kann. So spiessig es klingt, Reiten bedarf einer gewissen Ernsthaftigkeit und eines hohen Masses an Verantwortung. Ein Wakeboard kann für einen Sommer – oder auch länger – zu einer vergnüglichen Abwechslung werden, nach spätestens drei Tagen hat ein durchschnittlich begabter Mensch die ersten Erfolgserlebnisse. Beim Reiten sieht das anders aus: Der Reitsport liefert im Idealfall – und im Vergleich zu anderen Sportarten – erst zu einem ausgesprochen späten Zeitpunkt reelle Erfolgserlebnisse: Früher mussten zwischen fünfzehn und zwanzig Longenstunden eingeplant werden, bevor erstmalig ein „freies“ Reiten im weitesten Sinne zu erwarten war. Und „frei“ war man damit noch lange nicht – denn nur eine halbwegs ruhige Handhaltung bedeutet noch keine Voraussetzung, ein Pferd auch in die gewünschte Richtung dirigieren zu können. Dem ersten, vermeintlichen Erfolg folgte damit die nächste Ernüchterung: Der Gaul blieb stur auf der Mittellinie stehen – obwohl man doch endlich froh war, von der verhassten, fremdgesteuerten Longenarbeit entlassen worden zu sein. Doch das gleiche Pferd, das an der Longe alle Befehle des Longenführers willig ausführte, entpuppt sich nun in der Reitstunde zum renitenten Exemplar seiner Gattung.

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen…

… und auch der ambitionierte Reiter kann davon ein Lied singen. Denn „die Entdeckung der Langsamkeit“ (oder neudeutsch auch: die Entschleunigung) lehrt weitere, heute immer seltener anzutreffenden Eigenschaften: Demut und Dankbarkeit. Demut vor dem langfristigen Engagement, welches der Reitsport erfordert. Und Dankbarkeit für die immer wieder nur kleinen, dennoch feinen Erfolge im Umgang mit dem Pferd. Hier muss (!) man Zeit mitbringen, ansonsten suche man sich besser ein anderes Hobby.

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