Das bittere Elend der Pferde in „Knasthaltung“

1. April 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[Anke Klabunde]. Wir müssen pointieren, übertreiben, verstärken. Denn nur die sehr drastische Darstellung von Sachverhalten bewirkt eine vermehrte Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist gut, wenn man etwas verändern möchte. Oder wenigstens zum Denken anregen. Denn natürlich ist nichts so einseitig, wie die polarisierende Darstellung eines Sachverhaltes. Aber dies ist eine Kolumne, kein Fachbeitrag. Wir dürfen das.

Das bittere Elend der Pferde in einzelhaltung (Foto: M.E./pixelio.de).

Das bittere Elend der Pferde in einzelhaltung (Foto: M.E./pixelio.de).

Klar, kann man „Pferd“ in der Box halten, muss man manchmal sogar. Bei Krankheit, beispielsweise. Oder in der Hengsthaltung.

Sicherlich sind die wenigsten unter uns in der Lage, sich einen eigenen Stall zu finanzieren, um ihn dann nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Da bleibt vielen nichts anderes übrig, als ihr Pferd „in Pension“ zu geben. Man würde ja gerne mehr Freizeitangebote und Animationsprogramme in Form von Laufband, Führanlage, Weidehaltung, etc. p.p. seinem Pferde angedeihen lassen – aber das Angebot ist nun mal nicht so vielfältig. Schliesslich muss man sich danach richten, was der Markt hergibt. Man muss nehmen, was man kriegt.

Vielleicht .

Aber wie oft ist die Auswahl nur „vermeintlich“ eingeschränkt, man hat als Pferdebesitzer ja schliesslich auch seine Ansprüche. Der Weg zum Stall sollte kurz sein, damit man noch schnell nach der Arbeit zum Pferd fahren kann. Ohne Halle – geht gar nicht! Und ein vernünftiges Ausreitgelände für die Wochenendgestaltung sollte auch vorhanden sein. Koppeln für den Vierbeiner? Wundervoll, aber „nice to have“.

Immer wieder auffällig nur, wie verdreht sich diese Argumentation eigentlich anhört – wenn man sich selbst einmal zuhören würde. Geht es nicht eigentlich um die Bedürfnisse des Pferdes? Die sind oft bescheiden im Verhältnis zu denen ihrer Besitzer – allerdings auch sehr häufig konträr. Dort, wo Pferde sich wohl fühlen, ist es für den Menschen häufig – gelinde gesagt – anstrengend.

Denn das Pferd aus der Box zu ziehen, es ein wenig abzustauben, die sauberen Füsschen noch schnell dekorativ einzufetten – das alles ist wesentlich komf…, äh praktischer, als den Gaul von der Weide zu holen. Im Winter. Bei Kälte. Im Dunkeln. Im Sommer mit Insekten-Nahkampf inklusive. Die weiten Wege. Und dann ist da noch der viele Dreck! Matsch an den Hufen, Matsch im Fell. Wenn man ein „Glücksschweinchen“ hat, dann wälzt sich der Kerl oder das Stütchen mit aufreizend permanenter Regelmässigkeit im Schlamm – selbstverständlich bis zu den Ohrspitzen. Geht gar nicht! Geht gar nicht?

Die Argumente sind bekannt, sollen hier aber doch noch mal aufgeführt werden: Sauberer wären Boxenställe, ordentlicher. Deutsche Tugenden. Es herrschen klare Verhältnisse: meine, Box, mein Futtertrog, mein Spint. Nachvollziehbare Strukturen: Wer die Box verlässt, muss seine Spuren wegfegen. Dann ist es auch gleich wieder sauber. Da schliesst sich der Kreis.

Ja, praktisch(er) ist es auch: Kurze Wege: Von der Box zum Putzplatz, vom Putzplatz zur Halle, von der Halle zum Solarium und – Sie glauben es kaum – vom Solarium in die Box. Zack, zack! Sonst wäre der Reitsport gar nicht zu realisieren bei dem Berufsalltag, den jeder so täglich zu absolvieren hat… Geringer Zeitaufwand aber auch schon vor dem Reiten: Der Putzaufwand tendiert – wenn diese Tätigkeit nicht gerade zur hochpriorisierten Aktivität beim „Reiten“ definiert wird – ebenfalls gegen Null, besonders bei eingedeckten Pferden. Stallgamaschen an den Füssen – ratsch, ratsch, die Teile sind, Klettverschlüssen sei Dank, in Null-Komma-Nix runter von den Beinen und letztere sind selbstredend porentief rein. Es konnte ja auch kein Dreck, aber auch kein Lüftchen um selbige zirkulieren.

Noch ein Argument: Unter Aufsicht! Der Kontrollzwang ist enorm. Wir kontrollieren das Pferd in der Box, beim Putzen, beim Reiten – aber auch dies soll besser Thema einer weiteren Stallkolumne sein. Aber eine Krankheit, die ist deutlich schneller erkannt in der Boxenhaltung, werden Sie argumentieren. Nun, das kommt immer auf die Umsetzung der Haltungsform an – auch bei Laufstallhaltung kann Kontrolle ein Thema sein.

Geringe Verletzungsgefahr! Geringe Verletzungsgefahr? Wie definiert sich „Verletzung“?

Kopper, Weber, Luftschnapper – alles nur übersensible Ausnahmen? Sind Stereotypen und Hospitalismus keine Verletzungen? Verletzungen der Seele allemal. Diagnose bekannt, Therapie fällt aus wegen „is‘ nich‘“, Rekonvaleszenz ausgeschlossen. Aber auch, wenn man die Anzahl der in ihrer Ursache nicht rekonstruierbaren bzw. nachvollziehbaren Lahmheiten berücksichtigt, stellt sich doch ernsthaft die Frage: Sind die Verletzungen bei den anderen Haltungsformen nicht doch deutlich geringer? Anders sind sie auf jeden Fall. Häufig sogar leichter zu therapieren mit weniger Rückfallrisiko. Der „Boxentrommler“, der sich zu Fütterungszeiten bemerkbar macht – sei es aus Langeweile, sei es aus Hunger – wird dies immer wieder praktizieren, da können Sie praktisch die Uhr nach stellen.

Sicherlich – das Risiko, im Laufstall aufgrund anstehender Hierarchieauseinandersetzungen erneut „unter die Hufe“ zu geraten, kann nicht ausgeschlossen werden. Sind die Bedingungen allerdings konstant, die Verhältnisse den Erfordernissen einer Lauf- oder Offenstallhaltung angemessen, dann tendiert diese Wahrscheinlichkeit nicht gegen Null, aber irgendwo in der Nähe dieser Zahl.

Auch hier gilt: Das Konzept muss stimmen. Übrigens auch bei der Boxenhaltung – dies nur mal so, um die Gemüter derjenigen Pferdebesitzer unter den Lesern zu kühlen, die ihr Pferd in der Box halten (müssen) …

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