Der Sattel gehört John Boy, nicht Fury!

1. Mai 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[Anke Klabunde]. Das ist Ihnen sicherlich auch schon aufgefallen: Die Marktdurchdringung der Westernsättel – oder derjenigen Exponate, die danach aussehen – hat stark zugenommen. Nachbars Kaltblut läuft damit ebenso durch den Wald wie der angeblich so stolze Araber aus dem Offenstall. Komisch ist nur, dass die Sättel fast immer identisch gross und wuchtig erscheinen – und dabei auch noch besonders pferdefreundlich sein sollen. Und es scheint unerheblich zu sein, ob es sich um ein typisches Warmblut oder um ein Pony handelt, auf dem das gute Stück dann zum Einsatz kommt.

Der Sattel gehört John Boy, nicht Fury! (Foto: A. Klabunde).

Der Sattel gehört John Boy, nicht Fury! (Foto: A. Klabunde).

Eine weitere Kuriosität ist die Grösse der Sitzfläche. Bei den „englischen“ Sätteln wird diese sowohl in Abhängigkeit vom jeweiligen Einsatzzweck (Springen, Dressur, etc.) als auch in Abhängigkeit von der – nennen wir es freundlicherweise – „Konfektionsgröße“ des Reiters ausgewählt. Bei den Westernreitern – bzw. formulieren wir es gemässigt – bei den Westernsattelnutzern erfolgt die Auswahl offenbar nach anderen, nicht immer ganz nachvollziehbaren Kriterien. Weit verbreitet wähnt man sich auf der richtigen, sprich „guten“ Seite, wenn man eine möglichst große Auflagefläche verwendet. Problematisch ist es nur, wenn der Pferderücken gar nicht so viel Auflagefläche hergibt…

Auffällig in dieser Disziplin – oder besser: bei dieser Nutzergruppe – ist auch, dass überproportional viele, eher übergewichtige Reiter in diesen Sätteln unterwegs sind. Gut, das Argument ist hinlänglich bekannt: Ein schwerer Rucksack, gut gepackt, ist deutlich angenehmer zu tragen als ein leichter, schlecht gepackter Rucksack. Allerdings muss man sich dann auch dieser Argumentation konsequent beugen: Ein gut gepackter Rucksack steht als Symbol für einen gut sitzenden und sein Körpergefühl beherrschenden Reiter…. Diese Konsequenz vermisst man allerdings häufig in den Diskussionen – und noch mehr auf dem Rücken der Pferde.

Aber auch eine perfekt gefüllte und gut ausbalancierte Tasche kann auf Dauer zu Rückenschäden bzw. –schmerzen führen, wenn sie denn schlichtweg zu (!) schwer ist. Bei den Kraftfahrzeugen beachten wir doch auch das zulässige Gesamtgewicht… aber viele Menschen scheinen ihren Pferden leider nicht das gleiche Recht der maximalen Zuladung zuzugestehen.

In einem Western-Freizeit-Park im Harz kann man nicht nur Gold schürfen, sondern auch Westernsättel kaufen. Auch hier ist der Erwerb eines Sattels durchaus gängige Praxis, ohne dass das Pferd – welches ironischerweise vermutlich „Lucky“ heisst – den Park je von innen gesehen hat.

Die Anhänger der Freizeit-Wildwest-Romantik haben sicherlich auch eine andere Vorstellung von dem Leben der Cowboys: Dort gehört der Sattel John Boy – und nicht Fury. Es ging darum, bei der langen, harten Arbeit bequem zu sitzen und nicht darum, das Pferd zu schonen! Das Motto lautete: „Ich reite es so lange, bis ich es esse!“ Es gab (und gibt) ja genügend Pferde in den weiten Tälern der Rocky Mountains…

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2 Kommentare
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  1. Das mit dem zulässigen Gesamtgewicht ist gut ausgedrückt, nur bezieht sich Dieses nicht nur auf Reiter in Westernsätteln. Auch ist es nicht Richtig dass, es bei dem Westernsattel nur um die Bequemlichkeit des Reiters ging. Pferde waren sehr kostbar und Pferdediebe wurde daher zum Tode verurteilt. Auch mit der Ausbildung hat man sich gerade in Californien, sehr viel Zeit gelassen. Ein gutes Bridle-Horse durch lief in der Regel, mindestens 6-7 Jahre Ausbildung und bekamen den Sattel erst mit 3-4 Jahren auf gelegt. Sie waren also, erst mit ca. 10 Jahren fertig zum Arbeiten. Und das um in die Wurst zu gehen?
    Diese Pferde, reagieren auf die kleinste Gewichtsverlagerung. Wer glaubt dass, das mit einem schmerzendem Sattel geht?

    Tatsache ist, das ein schlecht sitzender Westernsattel immer noch weniger Schaden anrichten als ein nicht ganz korrekt sitzende Englichsattel. Ganz zu schweigen, von den baumlosen Sitzkisschen, die zum Wanderreiten empfohlen werden.
    Ein Pferderücken passt sich immer dem Sattel an. Daher sollte der Sattelbaum eine optimale Form haben, nämlich gerade. Er soll das gewicht auf eine gößt mögliche Fläche verteilen, dem Rücken Halt geben und evtl. Korrigieren, nicht punktuiert Druck ausüben.
    Setzt man auf einen ohne hin lordosen Rücken einen Sattel mit Schwung oder runder Wölbung, gibt der Rücken natürlich noch mehr nach. Man kann sich vorstellen, wie das Dann mit einem Sattel ohne Baum aus sieht.

    Ach ja, und Pfeifen gibt es in jeder Reiterei. Man muss sich nur mal an die Hallenbande stellen und betrachten, wer alles glaubt Dressur zu reiten ;-)

  2. Hallo Chris,

    besten Dank für den Kommentar, der sehr informativ ist.
    Wir können nur zustimmen, dass die Gewichts- und Sattelproblematik nicht nur bei den Westernsattelbenutzern vorhanden ist. In Kolumnen darf ein wenig überzeichnet werden. Und es wird demnächst auch Kolumnen über andere “Sattelfraktionen” geben, wir wollen Einseitigkeit natürlich vermeiden.

    Ob es eine “Tatsache ist, dass ein schlecht sitzender Westernsattel immer noch weniger Schaden anrichtet. als ein nicht ganz korrekt sitzender Englischsattel” würden wir allerdings bezweifeln. Weshalb sollte dieser schonender sein? Er wird im Vergleich zum Englischsattel andere Bereiche des Pferderückens belasten, aber dennoch nicht weniger schmerzhaft sein.
    Wir werden uns diesbezüglich mit der VetMedUni Wien in Verbindung setzen, die zahlreiche Studien zur Passgenauigkeit des Sattels mit Hilfe von Druckpunktmessungen durchgeführt hat – eventuell waren auch schon Westernsättel Thema einer solchen Erhebung.

    Mit besten Grüssen,
    die HORSEtoday. Redaktion

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