Das Wii-Pferd oder: Der Trend zum Zweitbuch

1. Juli 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne
Weiterbildung zukünftig nur noch in Verbindung mit Unterhaltungsprogramm und hohem Spassfaktor? (Foto: Mundm/pixelio.de).

Weiterbildung zukünftig nur noch in Verbindung mit Unterhaltungsprogramm und hohem Spassfaktor? (Foto: Mundm/pixelio.de).

[Anke Klabunde]. Die Reiter sind schon ein komisches Volk. Eigentlich wollen sie immer nur das Beste für ihren Vierbeiner. Aber der Kauf von Büchern, die Teilnahme an Seminaren sowie Lehrgängen, der Besuch von Messen – alles Massnahmen, die früher zum Erwerb von weiterem, neuem Wissen genutzt wurde – stehen doch inzwischen auf dem Abstellgleis. Wer kauft heute noch ein Buch – und vor allem: Wer liest noch darin? Haben nicht auch hier geänderte Lesegewohnheiten den Trend zu grossformatigen, auffällig umfangreich bebilderten Fotodokumentationen initiiert? Wer besucht denn noch Lehrgänge mit dem Ziel der Weiterbildung? Gewinnt nicht auch hier der Aspekt der Unterhaltung immer mehr an Bedeutung? Kein Seminar ohne Eventcharakter, keine Messe ohne Showeinlagen.

Bücher, Lehrgänge, Messen – sind diese Quellen des Wissenserwerbs eventuell schon überholt, haben quasi nur noch einen antiquarischen Wert und werden ausschliesslich von den Dinosauriern unter uns Reitern in Anspruch genommen? Der moderne Pferdesportler nutzt doch inzwischen fast ausschliesslich das Internet. Google sei Dank können zu eigentlich allen Themen dieser Pferdewelt Recherchen durchgeführt und Ergebnisse abgefragt werden. Und „glücklicherweise“ ergänzen zahlreiche Communities die Angebote im Netz, so dass Reiter und Pferdebesitzer auch gleich noch eine Beratung einholen oder die Ergebnisse einer Behandlung an ihrem Pferd diskutieren können. Aldous Huxley schöne, neue Welt lässt grüssen.

Seriosität der Quelle und Zuverlässigkeit der im iNet getätigten Aussagen dürfen allerdings oftmals angezweifelt werden. Gezielte, aber auch fahrlässige Fehlinformationen können zu weitreichenden Konsequenzen führen. Allerdings: Auch auf dem Büchermarkt tummeln sich inzwischen zahlreiche Autoren, die man getrost als Kompetenzsimulanten bezeichnen kann. Und das ist noch die freundliche Version.

Der Authentizität der Autoren und der zunehmenden Notwendigkeit für vertrauensbildende Massnahmen kommt eine immer stärkere Bedeutung zu. Aber auch hier gilt: Das Auge isst mit – der schöne Schein des Marketing überstrahlt häufig die Kompetenz des vermeintlichen Experten. Bücher haben es daher inzwischen reichlich schwer, sich im Markt zu behaupten. Der Trend zum Zweitbuch ist kein Spruch mehr, er wird zur bitteren Wahrheit.

Und nicht nur Google & Co. werden zu ernst zu nehmenden Konkurrenten im Reiter-Alltag. Andere, natürlich elektronische Spiele werden zu Zeitfressern mit Kannibalisierungseffekt. Verlockend die Titel und Themen der Nintendo Spiele, die da wären „Wie leite ich ein Gestüt?“ oder „Meine erste Reitstunde“. Selbst das Fernsehen zeigt in sogenannten Doku-Soaps, wie das Zureiten eines Jungpferdes auch für Anfänger funktionieren kann oder mit welchen Massnahmen ein Pferd zu kooperativem Verhalten „motiviert“ wird.

Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass nur noch das Wii-Pferd fehlt. Wie? Sie kennen Wii nicht? (Dann zählen Sie vermutlich zu den o.g. Dinosauriern...). Wii – „Wi-ie“ ausgesprochen – ist ein Unterhaltungssystem, vergleichbar mit den früheren Videospielen und stammt aus dem Hause Nintendo. Es wird an den Fernseher angeschlossen und kann sowohl allein als auch mit mehreren Personen genutzt werden. So kurios es klingt: Inzwischen werden fast alle Lebenssituationen von Wii simuliert: Sie können digital Tennis spielen, Hulahup-Reifen kreisen lassen oder sogar eine virtuelle Party schmeissen.

Warum also kein Wii-Pferd? Keinen Ärger mehr mit dem Stallbesitzer, keine horrenden Tierarzt- oder Hufschmiedkosten, keine täglichen Verpflichtungen, keine Wetterabhängigkeit – und auch keine Lästermäuler am Hallenrand. Und – ganz wichtig – keinen Zoff mehr mit dem wenig kooperativen Gaul. Lektionen können Sie nun endlos trainieren ohne Rücksicht auf Konzentration oder Gesundheit des Vierbeiners. Allerdings: Klappt die Lektion nicht, gibt es nur noch einen Schuldigen...

Und wenn Sie keine Lust mehr haben für einen virtuellen Ritt, stellen Sie Wii einfach in die Ecke – und niemanden kümmert es! Praktischer geht es eigentlich nicht.

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