Der Mensch ist blind für das Offensichtliche! Oder: Wenn der Gaul spinnt…

1. August 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne
Die Perspektive ändern: Um das Pferd zu verstehen, hilft häufig ein Perspektivenwechsel... (Foto: Urulaia/pixelio.de).

Die Perspektive ändern: Um das Pferd zu verstehen, hilft häufig ein Perspektivenwechsel... (Foto: Urulaia/pixelio.de).

[Anke Klabunde]. Kleine Veränderungen im Umfeld eines Pferdes können zu panikartigen Reaktionen des Vierbeiners führen – für den Menschen allzu häufig unverständlich. Der Mensch als Raubtier kann sich offensichtlich nur schwer in die Lage eines permanent unter Stress stehenden Fluchttieres versetzen. Eine für das Pferd real existierende Bedrohung wird häufig gar nicht wahr- oder nicht ernst genommen – eine fatale Situation für das Tier: Denn aus Sicht des Vierbeiners erkennt das vermeintliche Leittier Mensch die gefahrvolle Lage nicht einmal – wie soll der Aufbau von Vertrauen unter solchen Bedingungen für das Pferd möglich sein? Nur ein eindeutiges Signal des Herdenchefs kann das Pferd von der Sicherheit der Lage überzeugen.

Immer wieder gerne zitiert wird auch der Spruch vom „spinnenden Gaul“: Da ist man gerade eben noch mit seinem Pferd an einem Fahrzeug vorbeigeritten und der Vierbeiner hat sich vollkommen gelassen verhalten. Nun überholt das gleiche Fahrzeug Reiter und Pferd – und dem Gaul fällt nichts besseres ein, als davon zu springen… Das Vieh muss doch spinnen! – Eine Denkweise, die leider immer mehr zunimmt.

Dabei ist die Situation aus Sicht des Pferdes vollkommen logisch: In einem Grossteil des Gesichtsfeldes eines Pferdes kann dieses Gegenstände nur in geringer Schärfe und zweidimensional wahrnehmen. Ausschliesslich in einem Radius von ca. 70 Grad ist das Pferd in der Lage, auch dreidimensional zu sehen. Dieser Bereich, in dem das Pferd einen Gegenstand mit beiden Augen gleichzeitig wahrnimmt, nennt sich binokulares Gesichtsfeld und befindet sich unmittelbar vor ihm. Nur hier kann das Pferd räumlich sehen und Entfernungen abschätzen.

Bei der ersten Begegnung mit dem Fahrzeug konnte das Pferd selbiges in Ruhe beobachten. Das Fahrzeug kam frontal auf das Pferd zu bzw. befand sich im Zweifel mit ausgeschaltetem Motor am Strassenrand. Eine Situation, die das Pferd als nicht gefährlich einstufte. Bei einem Überholvorgang von hinten bewegt sich das Fahrzeug jedoch in dem von geringer Schärfe gekennzeichneten Sichtfeld des Pferdes; das Pferd sieht es nur zweidimensional und nimmt – Vorteil gegenüber dem „Langsamseher Mensch“ – die Geschwindigkeit auch noch deutlich besser wahr! Dass das Pferd nun sein Heil in der Flucht sieht, ist eigentlich mehr als nachvollziehbar!

Die harmlosen Pflanzenfresser weisen bereits entwicklungsgeschichtlich eine grosse Veranlagung für Angst und Nervosität auf. Hierbei handelt es sich um eine tiefverwurzelte Wachsamkeit mit einer instinktiven Furcht vor allem Beweglichen: Jeder unbekannte und ungewöhnliche Gegenstand stellt für das Fluchttier Pferd eine mögliche Bedrohung dar. Sein Überleben hängt davon ab, seinen potentiellen Fressfeind frühzeitig zu erkennen. Und sein Überlebensinstinkt ist so stark ausgeprägt, dass es seine Umwelt unablässig beobachtet! Denn im Gegensatz zum Raubtier hat das Fluchttier im Gefahrenfall nur eine Chance – denn ersteres geht im Zweifel nur mit einem knurrenden Magen zum Rudel zurück, während letzteres im worst case gerade den Magen selbiges füllt…

Wir sollten uns viel häufiger wie ein Pferd verhalten, dann wären auch die Kommunikationsprobleme mit unserem Vierbeiner Geschichte!

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