Käufliche (Pferde-)Liebe

1. Februar 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[A. Klabunde]. Pferde nutzen ihren Vorteil schamlos aus – und die Mehrzahl der Pferdebesitzer und Reiter merkt es noch nicht einmal! Ist die Verhaltensweise aus Sicht des Pferdes vollkommen nachvollziehbar, scheint seitens der Pferdebesitzer häufig ein Problem der Zurechnungsfähigkeit zu bestehen. Was im Umgang mit dem Menschen mittelfristig zum Entzug seines Selbstbestimmungsrechtes führen würde, wird bei Reitern und Pferdebesitzern als ganz normal angesehen:

Pferde sind Opportunisten - dieser Wahrheit sollte man sich auch als liebender Pferdebesitzer nicht verschliessen (Foto: O. Haja/pixelio.de).

Pferde sind Opportunisten - dieser Wahrheit sollte man sich auch als liebender Pferdebesitzer nicht verschliessen (Foto: O. Haja/pixelio.de).

Ein Pferd ist von Natur aus auf Nutzenoptimierung programmiert. Mit einer anderen Einstellung würde die Überlebenschance in der freien Wildbahn auch vermutlich grenzwertig gegen Null tendieren. Pferde müssen Vorteile erkennen bzw. erlernen, um zu überleben. Und diese Vorteilsnahme endet nicht vor oder an der Stalltüre. Das kann sich ganz unterschiedlich äussern und ist nur bei differenzierter Betrachtung der Vorgänge in den Stallungen dieser Welt erkennbar:

Ein vor allem überwiegend weibliches Phänomen ist die Einstellung, der Gaul wiehert MIR zu. Er freut sich, MICH zu sehen. Bei in Boxenhaft gehaltenen Pferden wäre dies sogar halbwegs nachvollziehbar – wenn da nicht ein paar Kleinigkeiten zu erwähnen wären: Vor allem die weiblichen Reiter und Pferdebesitzer schleppen immer (!) irgendetwas futtertechnisch Verwertbares in ihren Taschen mit sich rum. Das hat Pferd schnell gelernt. Also ist die Wahrscheinlichkeit hoch, beim Eintreffen der Bezugsperson auch Futter zu erhalten. Pferd wiehert also. Ob die nachfolgende Behandlung immer noch so wiehernswert wäre, kann dagegen manchmal bezweifelt werden.

Bei 23 Stunden Knasthaltung ist alles besser – Hauptsache Abwechslung! Auch aus Sicht des Pferdes. Ob der Hofrundgang im eigentlich stinklangweiligen Innenhof einer Justizvollzugsanstalt oder das Kreiseln an der Longe im Roundpen – immer wird das Pferd eine Alternative aus seiner Haltungsmisere wählen. Besitzer von Lauf- und Offenstallpferden stehen dagegen meist vor einer anderen Herausforderung: Der Gaul kommt nicht zum Reiter, schon gar nicht, wenn dieser ein Halfter bei sich trägt. Da wird nicht selten getrickst und gemauschelt, und auf einmal spricht auch niemand mehr von Liebe…

Bei Pferden in reiner Weidehaltung kehrt sich dieses Prinzip nicht selten um: Auch dort wird Abwechslung dankbar angenommen – auch wenn dies in letzter Konsequenz bedeutet, geritten zu werden. Versuchen Sie jedoch mal, ein Boxenpferd von der Weide zu holen, indem Sie ihn nur durch Rufen von der Notwendigkeit des Verlassens des Futterplatzes überzeugen… Dies führt nicht selten zu höchst amüsanten Szenen – weniger für den Pferdebesitzer, aber durchaus für den externen Beobachter…

Häufig praktiziert, aber immer wieder unterschätzt: Pferde lernen schnell. Und die Mehrzahl der Pferde „prostituiert“ sich für Futter – eine Überlebensstrategie, der sie sich auch in Zeiten eines übermässigen Futterangebotes in der Obhut des Menschen nicht verwehren können. Da wird das Leckerli zum Lernverstärker – aber auch die vollkommen unmotiviert und ohne Sinn resp. Zweckgebundenheit verabreichte Futtergabe zur Begrüssung, zwischendurch oder zur Verabschiedung. Dem Pferd ist es nur recht – dem Menschen nur selten billig. Offensichtlich möchte der Mensch diesen Lernvorgang aber als Liebesbeweis seines Vierbeiners bewerten – frei nach dem Motto: „Liebe geht durch den Magen!“ Doch konsequenterweise müsste dann auch der Folgeschluss gestattet sein: Pferde“liebe“ ist käuflich. Oder wie sollten sich oben beschriebene Szenarien verhaltensbiologisch erklären lassen? Denn der Umkehrschluss würde bedeuten, dass der Mensch ohne Futter für das Pferd häufig uninteressant ist. Welcher Pferdebesitzer möchte das schon über sein Pferd sagen oder hören müssen?

Wie gerne nur glauben wir dieser Phrase… und wie gerne weigern wir uns einzusehen, dass nicht selten nur der mit Leckerlis „präparierte“ Mensch vom Pferd als lukrativ angesehen wird? Warum projizieren wir Menschen so gerne unsere Bedürfnisse auf das Tier?

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Ein Kommentar
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  1. Wieder einmal bestechend klar den “Finger in die Wunde ” gelegt!
    Zur letzten Frage : “Ablehnungen” durch ein Tier verkraften wir (vielleicht) leichter als die der eigenen Art…:)
    Also, ICH freue mich, wenn MIR jetzt gleich entgegengewiehert wird, da glaube ich fest daran ;)

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