Von Tiefsitzern, Pauschenwundern und Sitzprothesen

1. Oktober 2017 | Von Redaktion | Kategorie: Kolumne

[Anke Klabunde]. Ist Ihnen das auch schon einmal aufgefallen? Die Sättel von heute haben sich zu wahren architektonischen Meisterwerken entwickelt: Kissen, Sattelbaum, Pauschen – alles wird neu konzipiert, überarbeitet, strukturiert. Da kommen die unterschiedlichsten Füllmaterialien zum Einsatz, die kuriosesten Sattelbaumarchitekturen werden entworfen und auch bisher unbekannte Oberflächenmaterialien verwendet.

Sattel sei Dank: Reiten lernen leicht gemacht... (Foto: A. Klabunde).

Sattel sei Dank: Reiten lernen leicht gemacht... (Foto: A. Klabunde).

Immer wieder gern zitiert werden die mit Luft gefüllten Kissen, die angeblich den Druck des Reiters am besten verteilen. Komisch nur: Bereits im Selbstversuch führt das „Prinzip Luftmatratze“ zu – eigentlich wenig – überraschenden Ergebnissen: Setzen Sie sich doch mal auf eine am Boden liegende Luftmatratze. Nun, Sie werden nicht begeistert sein bei dem Gefühl, welches sich unterhalb Ihrer Sitzbeinhöcker einstellt. Denn der Bodenkontakt erweist sich als sehr schmerzhaft. Für punktuellen Druck – wie er durch Sitzbeinhöcker üblicherweise ausgeübt wird – ist eine Luftfüllung daher offensichtlich wenig ideal.

Gerne werden auch Gelfüllungen angepriesen. Kurioses auch hier: In der Humanmedizin hat man selbiges inzwischen abgeschafft, da die vermeintlich softere Unterlage das Wundliegen entgegen anders lautender Marketingaussagen doch nicht verhindern konnte. Denn auch hier kann man – Selbstversuch sei Dank! – eine Untersuchung am eigenen Leibe durchführen und wird dabei feststellen: Gel weigert sich nachdrücklich, an der Druck-auslösenden Stelle zu verbleiben. Gel ist immer auf der Flucht vor Druck. Aber bei den Pferden ist dies vermutlich etwas anderes…

Irgendwie erinnert diese Diskussion um die Suche nach der besonders federnden, besonders druckabsorbierenden und besonders (pferde-)rückenschonenden Sattelkonstruktionen an die Entwicklung der Tartanbahnen der 50er und 60er Jahre: Damals galten diejenigen Sportstätten als ausgesprochen innovativ, die einen solchen Tartanboden ihr Eigen nennen konnten. Sie wissen schon, dieser rote, gummiartige Bodenbelag. Langzeitstudien oder prognostizierte Folgen gab es anfänglich nicht bzw. wurden – bei entsprechend kritischer Intention – selten veröffentlicht.

Inzwischen haben eine Vielzahl von Physio- und Osteotherapeuten Alarm geschlagen: Zahlreiche Knie- und Fussgelenkserkrankungen konnten eindeutig auf die sportliche Nutzung solcher Sportbahnen zurückgeführt werden. Denn nur, weil ein Boden, ein Schuh als besonders federnd eingeschätzt wird – diese Eigenschaft wird auch den Tartanbahnen nicht abgesprochen -, muss diese Federung nicht mit einer für den Körper angenehmen Amplitude gleichzusetzen sein. Im Fall der Tartanböden war die Schwingungsamplitude des Bodenbelags und die des menschlichen Körpers nicht deckungsgleich – und damit schädlich.

Aber zurück zum Pferderücken. Auch die Sitzkonstruktionen „nach oben“, also zum Reiter, wirken oft künstlich und eher am Reissbrett entwickelt: Da wird der den Reitersitz im Grunde zementierende Tiefsitzer angeboten. Die luftballonartigen Kniepauschen sollen das Reiterbein ruhig halten, doch bei genauerer Betrachtung überstrecken sie das Bein und bewirken den auf Gemälden aus der Barockzeit gerne abgebildeten Spaltsitz. Ganz besonders beliebt: der sogenannte Liegesitz – eine Körperhaltung, die den Reiter in eine Sitzposition deutlich hinter der Senkrechten zwingt. Zielsetzung dieser Massnahme? Unbekannt. Man kann nur vermuten, dass die Vorgabe des „von vorne nach hinten“-Reitens auf diese Weise symbolisiert, äh, natürlich unterstützt werden soll. Nicht weniger merkwürdig sind auch die den Reiter weit nach hinten positionierenden Sitzflächenkonzepte einiger Sattelhersteller – bevorzugt im Gangpferdereitsport. Da hockt er dann schon fast auf dem Hinterzwiesel und wundert sich, dass das Pferd so wenig untertritt…

Beim Auto würde man bei dieser Vielfalt an Zubehör von Sonderausstattungen sprechen. Sie alle suggerieren ein besseres Reiten allein durch den Einsatz innovativen Equipments. Immer häufiger gewinnt man jedoch den Eindruck, dass mit Hilfe dieser Sonderausstattungen an den Symptomen kuriert, aber von den ursprünglichen Ursachen abgelenkt wird…

Nichts gegen Innovation und Fortschritt! Aber die – vor allem ungeprüfte – Übernahme von Marketingaussagen kann das Erfordernis für ein selbstständiges Denken nicht guten Gewissens ersetzen. Denn in vielen Bereichen kann inzwischen der gesunde, aber kritische Menschenverstand schon mit dem einfachen Prinzip des Ausschlussverfahrens viele Marketingsünden ad absurdum führen.

Denn wie so oft – der begrenzende Faktor ist fast immer der Mensch, weniger das Equipment und so gut wie selten das Pferd. Auch hier gilt der Leitsatz: Reiten lernen reicht! Reiten lernen, häufig praktiziert – und ein gut trainierter Pferde- (und Reiter!-)Rücken sind die logische Konsequenz. Dann werden sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle sogenannten Sattelprobleme in Luft auflösen…Wetten?

Tags: , , , ,
Trackback URL: http://www.horse-today.de/wp-trackback.php?p=92537

Hier klicken, um einen Kommentar zu schreiben


Warning: is_executable() [function.is-executable]: open_basedir restriction in effect. File(/usr/local/bin/curl) is not within the allowed path(s): (/var/www/vhosts/horse-today.de/httpdocs:/tmp) in /var/www/vhosts/horse-today.de/httpdocs/wp-includes/class-snoopy.php on line 202